Montag, 21. August 2017

Grauenhaftes Nordkorea. /// Die lange Flucht aus Hungerland ‐ Nordkoreas Opfer klagen an

James Surowiecki erzählt von fabelhaften Dingen

https://www.nzz.ch/articleDEQ6P-1.2587

James Surowiecki bezieht sich in seinem Buch "Weisheit der Vielen" speziell auf die Arbeiten von Thomas Schelling, der in Yale mit Studenten arbeitete. Hochschüler sind aber überdurchschnittlich intelligent, machen also nur einen kleinen Teil der Population aus; zudem fanden die Tests ca. 1958 statt, diese Studenten waren mithin deutlich intelligenter als die von 2010. James Surowiecki nun mit der „Weisheit der Vielen“ erinnert mich an den Witz, daß ein Kamel ein Pferd sei, das von einer Kommission entworfen wurde. „Weisheit“ würde ich auch strikt von Intelligenz trennen, bei Surowiecki geht es aber nur um diese. Eine Gruppe kann ein Problem dann am besten lösen, wenn alle eine für die Aufgabe spezifische Vorbildung besitzen und die Aufgabe ad hoc lösbar ist, also keine längeren Vorarbeiten erfordern, und keine Hierarchien bestehen. Bei Kahneman, Denken, finden sich viele Beispiele dazu.
In der oberflächlichen Spiegel-Rezension wird in hanebüchener Weise verallgemeinert: „Pöbel schlägt Einstein“. Das ist reiner Blödsinn. 1 Million Nichtphysiker werden in der Regel eine physikalische Aufgabe schlechter lösen als ein Physiker, und 2 Millionen Nichtjuristen können sich nicht mit auch nur einem einzigen Juristen bei einem juristischen Fall messen.
Bei dem Zara-Beispiel geht es auch nur um eine einfache Informationsweitergabe, die auch bei geringem IQ möglich ist. Wie würden Zara-Verkäuferinnen mit einem angenommenen IQ von etwa 90 vermutlich wählen? Bestimmt anders als Schellings Probanden in Yale und Harvard, die etwa mit einem IQ von 120 zu verorten wären.
Aber grundsätzlich ist eine Wahlentscheidung außerordentlich komplex: die Vorgänge über 4 Jahre hinweg sind zu bewerten, was bereits eine kaum zu bewältigende Leistung darstellt. Im Gedächtnis verfügbar sind nur die außerordentlichen Ereignisse und die letzten Monate. Wieviele das Gedächtnis zur Verfügung stellt, hängt vom IQ ab, und von den eingefütterten Daten. Tim Cook von Apple mit einem geschätzten IQ von 140-150 wird zwar ein gutes Gedächtnis haben, aber da er politische Ereignisse nur oberflächlich verfolgt, hat er wenig Daten verfügbar. Ein politisch interessierter selbständiger Friseur besitzt vielleicht nur einen IQ von 100, hat aber viele Informationen von sich selbst und von seinen Kunden zur Verfügung. Schwer zu beurteilen, wer von den beiden eine qualifiziertere Wahl trifft. Zumal bei beiden eine Grundbewertung alle Daten einfärbt: Informatiker fühlen sich als kleine Könige und verachten alles Herkömmliche, während es bei Friseuren wohl eher umgekehrt ist. Bei beiden spielen aber auch Parteipräferenzen eine Rolle und Wahltraditionen.
Wahlen sind also nichts qualitativ Wertvolles, sie sind wertvoll als unblutige Entscheidung zum Herrschaftswechsel. Dafür ist aber ein freiheitliches, zivilisiertes Umfeld nötig, wie jetzt gerade Kenia zeigt, wo nach der Wahl blutig gekämpft wird.
Der Erfolg aller sehr unterschiedlichen westlichen  Demokratien liegt in ihren stabilen Institutionen und vor allem in der selbständigen Marktwirtschaft, in der viele Unternehmer im Wettbewerb stehen und so Wohlstand schaffen. Wohlstand befriedet, und soweit sich die meist unqualifizierten oder randseitig qualifizierten Politiker weitgehend aus der Wirtschaft heraushalten, kann der Wohlstand erhalten werden.
Da aber in der Demokratie stets nur Populisten eine Chance besitzen - unqualifizierte Vereinfacher wie Martin Schulz oder randseitig qualifizierte Opportunisten wie Merkel - bleibt die langfristige Stabilität der liberalen Demokratie eine historisch offene Frage. Insbesondere, wenn sie, wie die sozialliberalen Demokratien, ihre Verteidigung vergessen.
Aber: Illiberale Demokratien wie Indien schaffen es erst nach Jahrzehnten, auch nur eine Bagatelle wie die Zolleinheit im Binnenland herzustellen.

Diktaturen wie China, die Industriepolitik betreiben, sind stark abhängig von den Aufträgen der Demokratien und insgesamt labil. Das Gleiche gilt für Rohstoffautokratien wie Rußland und Venezuela.



















Sonntag, 20. August 2017

Bartok String Quartet No. 1, 1st movement (Euclid Quartet)

Schwarz, quadratisch, gut


Der junge Mensch huldigt einer intelligenten Form der Verblödung, wie sie  Malewitsch hier vorführt:

In der Tat finden sich bei Malewitsch einige rabiate Vorschläge zur Neugestaltung der Kultur. So forderte er 1919 apodiktisch, alle überlieferten Kunstwerke zu verbrennen und in den Museen nur noch ihre Asche auszustellen. Wenn der Betrachter vor den Überbleibseln von Rubens' Gemälden stehe, werde er «eine Menge Vorstellungen entwickeln, vielleicht lebendigere als das wirkliche Bild (und man braucht weniger Platz)». (NZZ 11.3.06)

Und auch die tiefe Einsicht, daß der Verstand erst mit den Jahren kommt - wenn überhaupt - demonstriert Malewitsch:
“Am deutlichsten lässt sich dies in Malewitschs überraschender Rückkehr zur figurativen Darstellung im Spätwerk und besonders in seinem Selbstporträt als Renaissancemaler beobachten.” (NZZ 11.3.06)

Der originell malende Spinner Malewitsch lebte von 1878 bis 1935. Eine sinnhaltige Äußerung von ihm ist nicht überliefert.



https://www.nzz.ch/articleDHINW-1.17481














Jason Brennan: "Gegen Demokratie"



Das Buch hat es in sich. Es will das Gegenteil von dem, was die verflossene Gesundheitsministerin der SPD und Vize-Präsidentin des Bundestages, Ulla Schmidt, will: das Wahlrecht auch für Demente. Brennan dagegen plädiert für einen Wissensnachweis für Wähler. Schmidt, die sich mit dem Ministerdienstwagen nach Spanien chauffieren ließ, mag vielleicht daran denken, daß sie immer noch Ministerin wäre, wenn alle Wähler dement wären, ernstzunehmen ist ihre Initiative aber nicht. Wer wegen Demenz entmündigt wurde, wurde auch für Wahlen entmündigt.


Die Forderung nach einem Wissensnachweis dagegen besitzt eine gewisse Plausibilität und kann sich auf die antike Demokratie berufen. In Athen besaßen nur freie Männer - eine elitäre Minderheit der Einwohner - politische Rechte. Mit ihrer Kompetenz wählten sie mit dem Ausnahmetalent Alkibiades die Sizilische Expedition und - die Katastrophe. Und im Peloponnesischen Krieg unterlag die Athener Demokratie dem Militärkommunismus Spartas. Geistige athenische Kompetenz - nennen wir sie einmal so - war also nicht zielführend.


Und auch späterhin nicht, als Florenz den Klerikalfaschisten Savonarola zum Herrscher erhob. Und Napoleon III.? Hitler? Leninisten, Stalinisten und Maoisten - die kandidieren wieder zur Bundestagswahl - ließen gar nicht erst wählen.

Es gibt leider kein Patentrezept für nichts - nicht mal für die Demokratie und ihren Wahlmodus. Ob ein zentralistisches Präsidialsystem wie in Frankreich, in dem die meisten Stimmen entwertet werden, oder eines wie in den USA, in dem der Präsident wenig Macht besitzt im Vergleich zu Frankreich, ob ein rigoroses Mehrheitswahlrecht wie Großbritannien, oder eine repräsentative Parteiokratur wie in Deutschland - überall gibt es Mängel, die nicht direkt mit politischer Kompetenz oder Inkompetenz der Wähler zusammenhängen.


Am ehesten überzeugt vielleicht die Schweiz, die mit den Bürgerabstimmungen ein Korrektiv besitzt, das für eine politische Diskussion während der gesamten Wahlperiode sorgt.