Sonntag, 5. April 2009

kommt so ein Ochse, Ulugh Beg, Steinbach



Mörikes Veilchen

FAZ 4.4. Leserbrief Deutsche Trampeltiere ohne Fingerspitzengefühl

Ich wohne seit 33 Jahren in der Schweiz, fühle mich wohl und akzeptiert und zähle auch nicht zu den Republikflüchtlingen. Deshalb treffen mich die fetten Sprüche fingerspitzenfreier Trampeltiere aus dem großen Kanton besonders hart. Man sollte nicht vergessen: Die Schweiz war einmal umzingelt von kriegslüsternen Deutschen, ihren Verbündeten und besetzten Gebieten. Die Menschen hier haben deshalb in vier Kriegsjahren so manche Ängste ausstehen müssen. Eine alte Frau hat mir einmal erzählt; "Wenn man direkt nach dem Krieg vor einem Schaufenster stand und in seinem Rücken jemand ,Hochdeutsch' sprechen hörte, hat es einen direkt herumgerissen."

Das ist aber inzwischen nicht mehr aktuell. Die vielen deutschen Zuwanderer und Gäste fallen heute zwischen Basel, St. Gallen und St. Moritz kaum noch auf. Hochdeutsch ist schon fast zu einem weiteren Schweizer Dialekt geworden. Man muss nur den Mund aufmachen, schon erhält man die Antwort in einem herzigen "Schrift-Dialekt".

Aber: Wenn über eine Sache endlich Gras gewachsen ist, kommt so ein Ochse daher, der das wieder wegfrisst. Was sind das für Diplomaten! Redewendungen. die man in Deutschland wegsteckt, werden im Ausland nicht in gleicher Weise goutiert. Deutsche Finnanzminister haben in langen Jahren mit Erfolg nicht nur die Reichen und das Servicepersonal aus der Republik vertrieben, sondern auch den hoffnungsvollen, hochgebildeten Nachwuchs samt Familien. Die Folge davon wird man eines Tages schmerzlich fühlen. Nur weiter so.

Es war schon immer einfacher, an den Symptomen herumzunörgeln, als die Ursachen zu beseitigen. Und noch was: Leute, die nach den Feststellungen des Bundesrechnungshofs mit anvertrauten Milliarden nicht sorgfältig umgehen können, sollten nicht über Banker spötteln, die das auch nicht können. Sie würden es genauso unbedarft machen - oder noch schlimmer.
Dr. Ernst Ludwig Lindenstruth, St. Gallen, SChweiz, LB

- "Ulugh Beg und seine Medresen.
Der F.A.Z. (in "Himmelsstürmer", F.A.Z. vom 21. März) ist zu danken, dass sie einmal an eine Persönlichkeit erinnert, die in unseren Breiten kaum bekannt ist: Ulugh Beg. Wer heute nach Usbekistan reist, wird jedoch überrascht sein, wo überall man dem "Himmelsstürmer" begegnet.

Er war nicht nur einer der berühmtesten Astronomen des Orients, sondern gleichsam auch ein Universalgelehrter mit profunden Kenntnissen in der Mathematik und Philosophie ebenso wie in der Literatur und Medizin. Im Bestreben, sein Wissen der nachrückenden Generation weiterzugeben, gründete er Anfang des 15. Jahrhunderts in Buchara und Samarkand Hochschulen, sogenannte Medresen, die in ganz Asien berühmt waren und in der damals bekannten Welt die gleiche Bedeutung hatten wie beispielsweise die Universitäten von Stanford oder Cambridge heute. In der Rückschau zeigt sich, dass "seine" Medrese in Buchara - einem buddhistischen Vihara nicht unähnlich - zum Prototyp für den Medresenbau im gesamten Dar al Islam werden sollte. Dass aber Ulugh Beg gemäß seiner Maxime "Streben nach Wissen - das ist Pflicht aller Muslime: eines jeden Mannes und einer jeden Frau" auch weibliche Studierende zum Studium in seiner Medrese aufgenommen hat, ist weniger bekannt. Diese dem Koran nicht entsprechende Gleichstellung der Frau (cf. Sure 4:34) hat ihm die hohe Geistlichkeit nie verziehen.

Gänzlich in Ungnade fiel der Enkel Timurs bei den sufistischen Geistlichen des Derwischordens der Nakschbandi, weil er sich mehr den Naturwissenschaften als der Theologie, das heißt der Interpretation des Koran und der Hadithe - den überlieferten Aussprüchen des Propheten Mohammed -, verpflichtet fühlte. Eine Fatwa tat das Ihre. Bereits am ersten Tag einer Pilgerreise, die Ulugh Beg auf Geheiß seines Sohnes Abdul Latif angetreten hatte, wurde er hinterrücks ermordet. Sein abgeschlagenes Haupt aber wurde zum Spott - aufgepflanzt auf einer langen Stange - vor dem Pischtak (Torhaus) seiner Medrese in Samarkand zur Schau gestellt. Im Laufe der Jahrhunderte sollten in Mawannahr - im Land jenseits des Flusses Oxus (Amu Darja) - immer wieder neue Medresen gebaut werden - bald bescheiden, bald in einer einzigartigen Polychromie -, wo muslimische Studenten vernehmlich in der Theologie unterwiesen wurden, wo sie aber auch Unterkunft und Verpflegung erhielten.

Noch Anfang des 20. Jahrhunderts soll es in Buchara hundertunddrei Medresen gegeben haben, unter denen etwa 60 eine größere Bedeutung hatten. An ihnen hielten sich ungefähr zehntausend Studierende auf, die von etwa tausend Professoren unterrichtet wurden. Nach der Oktoberrevolution hingegen "arbeitete" in den mittelasiatischen Sowjetrepubliken nur noch eine Medrese - Mir-e Arab in Buchara -, wo jährlich etwa zwanzig muslimische Studenten ausgebildet werden durften. Heute gibt es - auch dem Erbe eines Ulugh Beg verpflichtet - in Taschkent mehr als fünzehn Universitäten und Hochschulen und seit 1999 eine islamische Universität (Jura, Wirtschaftswissenschaften, orientalische und europäische Sprachen). "
KLAUS PANDER, TRIER, FAZ LB 4.4.09

- Steinbach, Polen: "So verkehrt ist diese Geschichtsbetrachtung nicht.

Dem Artikel "Abermals ist es Anerkennung durch Verzicht" von Peter Carstens (F.A.Z. vom 5. März) entnehme ich, Erika Steinbach leiste sich eine eigene Geschichtsbetrachtung jenseits des hierzulande Üblichen: "Ohne Hitler, ohne den Nationalsozialismus hätten all die Wünsche, Deutsche zu vertreiben, die es in der Tschechoslowakei . . ., die es in Polen schon davor gegeben hat, niemals umgesetzt werden können." Solche Sätze, die unversöhnlich klängen, seien in Polen in Erinnerung geblieben - so Carstens.

Zur Beurteilung der "eigenen" Geschichtsbetrachtung, die sich Frau Steinbach "leistet", empfehle ich einen Blick in das "Schwarzbuch der Vertreibung 1945 bis 1948" von Heinz Nawratil. Ein Absatz aus dem Kapitel "Polnische Motive" (der Deutschenvertreibung) sei wörtlich zitiert: "Emissäre der britischen Regierung registrierten im Juni 1939 in einem Geheimbericht, der erst 1979 veröffentlicht wurde, in Polen nicht nur verbreiteten Chauvinismus und Antisemitismus bei Bauern und Beamten, sondern auch phantasievolle Annexions- und Vertreibungspläne und Projekte zur Zerstückelung Deutschlands nach einem erwarteten allgemeinen Krieg bei offiziellen Stellen."

Als Quelle für diesen Passus nennt Nawratil die F.A.Z. vom 31. August 1979. Dort gibt Alfred Schickel (zum 40. Jahrestag des Kriegsausbruchs) auf zwei halben Zeitungsseiten unter den Titeln "Polen 1939 - gesehen mit britischen Augen" und "Polnische Pläne für die Zeit nach dem Sieg" eine von ihm kommentierte Zusammenfassung des ein Vierteljahr vor Kriegsausbruch in Polen recherchierten Lageberichts zweier englischer Diplomaten. Ihrer Visite vorausgegangen war die britisch-französische Garantie für Polen vom 31. März 1939. Der Text enthält viele interessante Einzelheiten. Vier Beispiele: Die polnischen Gesprächspartner der beiden Diplomaten zeigten sich erschreckt darüber, Engländer von der Rechtmäßigkeit der Ansprüche Hitlers hinsichtlich Danzigs sprechen zu hören. Ein Abteilungsleiter im polnischen Außenministerium meinte, Ostpreußen müsse von Polen annektiert werden, da die dortige Bevölkerung im Abnehmen begriffen sei, Polen als junger und rasch wachsender Staat eine seiner Bedeutung angemessene Küstenlinie brauche, und dass man jedenfalls Umsiedlungen vornehmen könne. Eine verbreitete Meinung der "polnischen Freunde" (der britischen Diplomaten) lautete: Wenn das Kriegsglück, wie sie es für wahrscheinlich hielten, Polen hold sei, müsse Deutschland in zwei oder drei Stücke geschnitten werden. Der Siegeszuversicht Polens, die sich nicht zuletzt auf den Ausbruch eines "allgemeinen Krieges" stützte, entsprach auch ein Gemälde, das der polnische Oberkommandierende, Marschall Rydz-Smigly, bereits im Sommer 1939 in Auftrag gab und das ihn hoch zu Ross in voller Gala-Uniform als Sieger unter dem Brandenburger Tor zu Berlin zeigt.

Die F.A.Z. hat Schickels Artikel mit Bildern von militärischen Aufmärschen in Krakau im August 1939 sowie mit einer Landkarte illustriert, die am 26. Juni 1939 in der Posener Zeitung "Dziennik Poznanski" veröffentlicht worden war. In diese Karte sind westlich der damaligen polnischen Westgrenze drei weitere deutsch-polnische Grenzverläufe eingezeichnet: der erste und der zweite beziehen sich auf das 10. bis 12. Jahrhundert, der dritte und westlichste sei aus slawischen geographischen Bezeichnungen ermittelt und verläuft etwa entlang einer Linie Kiel - Bremen - Hannover - Göttingen - Kassel - Fulda - Nürnberg. Das westlich dieser Linie gelegene Gebiet ist auf der Karte tiefschwarz "koloriert" und wird schlicht als "Heutiges Deutschland" bezeichnet.
FAZ 1.4.09 LB DR. ALBRECHT BECK, SCHWALBACH